Das unbewusste Gedicht Über die poetische Wirkung von Ansichtskarten Norbert Hummelt
Es ist mehr als zehn Jahre her, dass ich im Kölner Wallraff-Richartz-Museum eine Ausstellung besuchte, in der Bilder eines französischen Impressionisten gezeigt wurden. Immer wieder hatte er eine bestimmte Flusslandschaft in Südfrankreich gemalt. Ein kleiner Raum in dieser Ausstellung zeigte dieselbe Landschaft in historischen Ansichtskartenmotiven. Ich erinnere mich deutlich, dass mein Interesse an den Gemälden schwach, dasjenige an den Ansichtskarten aber sehr lebhaft war. Ich betrachtete sie lange und immer wieder und sah sie so an, wie man Kunst ansieht: als öffne das Bild eine Tür in einen Raum, in dem man umhergehen und Dinge sehen kann, die in der Darstellung selbst nicht enthalten sind. Ich war in der Landschaft, ich ging am Fluss entlang, spürte Wärme und sah mich um. Wenn mir auch die Motive nicht deutlich vor Augen stehen und ich nur vermuten kann, dass es Schwarzweißfotos oder verblasste Farbbilder waren, so ist mir doch die Wirkung dieser Bilder im Gedächtnis geblieben. Die Ansichtskarten appellierten an mein Vorstellungsvermögen. Suggestive Kraft ging nicht von der Malerei, sondern von der zu Gebrauchszwecken dienenden Fotografie aus. (…)