(…) Ich halte es aber für wahrscheinlich, dass die beschriebene Wirkung nicht allein dem Reiz historischer Fotografien zuzuschreiben ist. Dieser Reiz entsteht vermutlich daraus, dass solche Bilder zwar suggerieren, einen bestimmten Ausschnitt der wirklichen Welt realistisch abzubilden; in Wahrheit aber sind sie verfremdet, durch technische Einschränkungen wie das Fehlen oder Verblassen der Farben oder durch den der Zeit unterworfenen Zustand des Materials, auf dem sie erscheinen, etwa durch Vergilben des Fotopapiers. So verbreiten sie eine Aura des Entrückten um das Gezeigte und dementieren zugleich den realistischen Anspruch, die Welt könne an einer bestimmten Stelle (in einem Flusstal in Südfrankreich), zu einer bestimmten Zeit (an einem Tag, zu einer Stunde, in einem Augenblick im späten 19. Jahrhundert) und aus einem bestimmten Blickwinkel heraus genauso ausgesehen haben wie gezeigt. Ein Anspruch, den die Malerei nach dem Auftreten der Fotografie im zugespitzten Sinne nicht mehr erheben und deshalb auch nicht enttäuschen kann, was sie einer reizvollen Ambivalenz beraubt. Ich glaube, dass die suggestive Wirkung dieser Fotografien auf mich dadurch gesteigert wurde, dass sie auf Ansichtskarten erschienen. Vermutlich wurden einige davon doppelseitig gezeigt, so dass sie auch den handschriftlichen Text, Adresse, Ort und Datum, Absender, Briefmarke und Poststempel zeigten. Wieder also der Hinweis auf einen Augenblick in Raum und Zeit, den fast jede Karte enthält, und zwar gleich zweimal: im Datumsvermerk dessen, der die Karte schreibt, und im Poststempel. Die jeweils einmalige Kombination all dieser Elemente macht aus dem Massenartikel ein Unikat, das Bildmotiv mag noch so oft gewählt, der Text noch so formelhaft sein. Und da in der Frühzeit des etwa seit 1870 auftretenden Mediums die Vorderseite nicht nur dem Bild vorbehalten war, sondern zugleich Raum für Mitteilungen ließ, mag es diese besondere Fügung von Handschrift und Bild gewesen sein, mit der Signatur eines bestimmten Moments an einem bestimmten Ort, die mich anzog: Ansichtskarten heben Augenblicke heraus aus dem Verfließen der Zeit und sind somit Zeugnisse gelebten Lebens.