(…) Anderen gehen diese Karten nur auf die Nerven. Das sind die, die nie zurückschauen. Sie sehen nur nach vorn. Gestern ist gestern. Oder besser: Gestern war gestern. Heute ist heute, und nur das Heute zählt. Wozu der Vergangenheit hinterhertrauern! Nostalgie heißt Heimkehr und Schmerz in einem. Und Schmerz hält nur auf. Das gilt nicht nur für die Reaktion auf die virtuelle Welt der Postkarte. Auch in der wirklichen Welt reagiert jeder anders auf Verlust. Waren die einen noch traumatisiert von den ersten fallenden Bomben, hatten die anderen schon die Wiederaufbaupläne für die Zeit danach in der Schublade. Hitlers Architekt und Rüstungsminister Albert Speer etwa, der bereits zwischen 1940 und 1944 in seinem als Altersruhesitz gekauften Domizil im brandenburgischen Wriezen regelmäßig ihm ergebene junge Architekten versammelte, mit denen er Deutschlands Wiederaufbau plante – allerdings den nach dem „Endsieg“. In seinen Erinnerungen schreibt Speer, der als Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg verurteilt wurde: „Für einen großen Bau hätte ich wie Faust meine Seele verkauft. Nun hatte ich meinen Mephisto gefunden.“ In der Rolle des Fehlgeleiteten gefällt sich der Baumeister natürlich besser als in der des Mephisto: „(...) denn alles, was entsteht, / Ist wert, dass es zugrunde geht.“ Inzwischen ein geflügeltes Wort und darum im ersten Moment fast wie eine Beschwichtigung, wenn es einem beim Betrachten untergegangener, prächtiger alter Stadtansichten in den Sinn kommt. Vorbei. Mephistos Folgerung bleibt teuflisch: „Drum besser wär’s, dass nichts entstünde.“