Frauenradfahren
Eine Emanzipationsgeschichte? Ja, aber …

Ausgabe

DAS ARCHIV 01/2026

Autor: Benjamin Egger

Seiten: 14-17

Im Interview mit der New Yorker Sunday World stellt die US-amerikanische Frauenrechtsaktivistin Susan B. Anthony 1896 fest: „Ich glaube, das Radfahren hat mehr zur Emanzipation der Frau beigetragen als alles andere auf der Welt.“ Tatsächlich mussten Frauen sich die Möglichkeit, Rad zu fahren, erst erkämpfen. Denn Fahrräder wurden für Männer erfunden. Selbst als taugliche Modelle für Frauen auf den Markt kamen, fanden Männer rasch neue Argumente, die gegen ein Frauenradfahren sprechen sollten. Doch der Reihe nach.

Das Fahrrad geht auf die von Carl Friedrich von Drais  im Jahr 1817 entwickelte Laufmaschine zurück. Für  Frauen war deren Nutzung jedoch kaum möglich. Die  im Alltag getragenen bodenlangen Rocke hatten sich beim Aufsteigen am Rahmen verfangen oder nach oben  geschoben. Neben dem aufgewirbelten Rock galt es als  unschicklich, wenn Frauen ihr Bein über den Sitzbalken  schwangen. Frühe Lösungsansätze sahen drei- oder  vierrädrige Laufräder mit zwei hintereinander angeordneten  Sitzen vor, durch die Frauen nur als Mitfahrende  berücksichtigt wurden. Aufgrund mangelnder Praktikabilität  setzten sich diese Modelle jedoch nicht durch.  Die Idee, Frauen lediglich in zweiter Reihe zu berücksichtigen,  verlor zudem rasch an Aktualität: Bereits  1818/1819 brachte der britische Erfinder Denis Johnson  mit dem

Das Lady’s Pedestrian Hobbyhorse auf einer werblichen Darstellung von 1819

Als Karl von Drais 1817 seine Laufmaschine vorstellte, ahnte niemand, welchen Siegeszug das Fahrrad einmal antreten wurde. Sie war das erste Fahrzeug, das mit zwei Rädern in einer Spur auskam, und damit das erste durch Quellen belegte fahrtüchtige Zweirad. Von der Draisine entwickelte es sich erfolgreich weiter: Der Franzose Pierre Michaux brachte in den 1860er-Jahren die ersten Fahrräder mit Tretkurbelantrieb in Serie auf den Markt. Die neue Idee verbreitete sich rasch, und zahlreiche Hersteller in Frankreich, Deutschland, England und den USA verkauften die sogenannten Vélocipèdes, Michaulinen oder Boneshakers. Aus dem Tretkurbelfahrrad entwickelte sich in England das Hochrad. Das größere Vorderrad ermöglichte eine schnellere Fortbewegung, aber barg gleichzeitig eine erhöhte Gefahr des Kopfsturzes. Schließlich war es ebenfalls ein Englander, Henry Lawson, der Ende der  1870er-Jahre das erste Sicherheitsniederrad entwarf. Mit zwei gleich großen Rädern, einem Kettenantrieb mit Übersetzung auf das Hinterrad und luftgefüllten Reifen ist es unserem heutigen Fahrrad erstaunlich ähnlich. In dieser Form steht das Fahrrad seit dem späten 19. Jahrhundert auch im Dienst der Post und prägt dort den Arbeitsalltag bis heute mit.

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