Von Vorphilatelie zu Briefmarken

Michael Burzan

Die Geschichte der Post ist untrennbar mit dem menschlichen Bedürfnis verbunden, Nachrichten über weite Entfernungen zu übermitteln, und das möglichst schnell und zuverlässig. Wie lange dauerte es, bis ein Brief ankam? Wie konnte die Dauer der Beförderung gemessen und dokumentiert werden? Und wie veränderten neue Verkehrsmittel und Technologien die Wahrnehmung und Bedeutung von Zeit? Schon in der Vorphilatelie, der Periode vor Einführung von Briefmarken, bietet der Wandel im Umgang mit Zeit spannende Einblicke.

 

Bemessene Zeit

Bevor man die Geschwindigkeit von Nachrichtenübermittlung messen konnte, musste die Zeit selbst messbar und vergleichbar werden. Zwar gab es bereits im Mittelalter mechanische Uhren, doch erst mit der Verbreitung tragbarer Zeitmesser und einheitlicher Zeitsysteme wurde Zeit zum Allgemeingut. Die industrielle Revolution, mit ihr der Eisenbahnbetrieb, forderte eine Standardisierung der Zeitmessung, etwa in Form von Fahrplänen und einheitlichen Ortszeiten. Dies führte zu einer zunehmenden „Verzeitlichung“ des Alltags und der Kommunikation.

Anweisung der Fürstlich Württembergischen Botenmeisterei Stuttgart vom Februar 1724 mit Anweisung, zu dringenden Schreiben Laufzettel mit Zeitangabe von Ankunft und Abgang zu vermerken (Peter Feuser)

Eilbrief vom 20. Januar 1725 von Ludwigsburg nach Marbach mit Eilvermerk „Cito Citissime Cito“ – nach Verfügung des Herzogs Philip Visconti von 1425 mussten die berittenen Postkuriere in solchen Fällen Tag und Nacht mit Blitzgeschwindigkeit reiten (ex Sammlung Hans Rees, Archiv M. Burzan & PhilaTec)

Brief vom 29. Januar 1807 von Ludwigsburg per Postillion nach Mühlhausen, Abgang 5 Uhr abends, Ankunft am nächsten Morgen um 3 Uhr; sechs Durchgangs-Stationen sind mit Uhrzeiten vermerkt (Sammlung des Autors)

Die Korrelation von Entfernung und Zeitdauer wurde zunehmend relevant: Während früher ein Brief von Hamburg nach Wien Wochen oder gar Monate unterwegs sein konnte, verkürzte sich die Dauer durch technische Innovationen drastisch und ließ sich immer genauer dokumentieren.

Die Vorphilatelie bezeichnet die Zeit vor Einführung der Briefmarke. Der Wandel begann in Großbritannien im Jahr 1840, in Deutschland ab 1849. Briefe der vorangegangenen Epochen trugen keine Postwertzeichen zum Aufkleben, sondern waren überwiegend von Hand beschriftet: Man findet darauf Ortsangaben, Vermerke zu Porto oder Beförderungsweg, manchmal einen Stempel des Abgangsortes, jedoch anfangs kaum ein Datum.

 

Beschleunigte Kommunikation

Erst mit zunehmender Organisation des Postwesens kam es zur systematischen Datierung von Briefen. Anfangs reichte oft die Angabe „vormittags“ oder „nachmittags“. Später kamen Stundenzettel oder Postscheine hinzu, auf denen Zeiten von Ankunft und/oder Abgang vermerkt wurden. Die Uhrzeit wurde immer präziser, von Tageszeiten zu Stunden, später in Minutenangaben. Besonders bei eiligen Zustellungen wurde es notwendig, die Zeiten exakt zu dokumentieren.

Eilwagen-Reiseschein der Königl. Bayerischen Haupt-Expedition fahrender Posten von Nürnberg nach Waiblingen, Abfahrt 7. Oktober 1838 um 5 Uhr morgens 

Express-Brief aus Berlin nach London, in Berlin mit Rohrpost zum Flughafen geschickt, 1929

Mit der steigenden Genauigkeit der Zeitmessung wurde auch die Beförderungsdauer von Briefen messbar. Dies ist besonders interessant bei Auslandspost: Briefe, die früher monatelang unterwegs waren, konnten durch neue Verkehrsmittel innerhalb weniger Tage zugestellt werden. Der Vergleich von Aufgabestempel und Ankunftsvermerk erlaubt heute Rückschlüsse auf die Geschwindigkeit der damaligen Postverbindungen – und zeigt eindrucksvoll den Wandel.

Ein Beispiel: Ein Brief von Paris nach Rom benötigte im 18. Jahrhundert noch drei bis vier Wochen. Mit der Einführung der Eisenbahn und Dampfschifffahrt reduzierte sich diese Dauer auf wenige Tage. Später beschleunigten Luftpostverbindungen den Prozess weiter – bis hin zu Minuten und Sekunden bei digitalen Übertragungen.

 

Verkehrsmittel als Motor des Fortschritts

Die Geschichte der Post ist auch die Geschichte der technischen Innovationen im Transportwesen. Im Altertum und Mittelalter verließ man sich auf Menschen und Tiere − sie überbrachten als Botenläufer oder Postreiter dringende Nachrichten, bei Bedarf mit dem Vermerk cito oder citissime, schnell oder schnellstmöglich. Solche Vermerke dienten der Priorisierung der Beförderung, lange vor offiziellen Eilzustellungen.

Ab dem 17. Jahrhundert entwickelten sich regelmäßige Postrouten mit Kutschen, später ergänzt durch Eilwagen, die deutlich schneller verkehrten, dafür jedoch teurer waren. Vor rund 200 Jahren, gegen Mitte des 19. Jahrhunderts revolutionierte die Eisenbahn die Postbeförderung. Sie ermöglichte regelmäßige, wetterunabhängige und vor allem schnelle Verbindungen über große Distanzen. In Deutschland wurde 1835 die erste Eisenbahnlinie zwischen Nürnberg und Fürth eröffnet; bald wurden Bahnposten eingerichtet, die direkt Briefe im Zug sortierten oder in Postsäcken transportierten. Der transatlantische Postverkehr profitierte von immer schnelleren Dampfschiffen; später beförderten Luftschiffe Briefsendungen noch schneller über Ozeane – Zeppelinpost war besonders in den 1920er- und 1930er-Jahren verbreitet.

Mit Nachtluftpost nach London, ein Brief aus dem Jahr 1931

Mit dem Aufkommen der Luftfahrt wurde die Luftpost durch Flugzeuge zum Symbol der modernen Kommunikation. Versuche mit Raketenpost blieben experimentell, zeigen aber den Innovationsdrang, der die Geschichte der Post begleitet. Mit der Erfindung des elektrischen Telegraphen Mitte des 19. Jahrhunderts begann eine neue Ära. Informationen konnten nun nahezu in Echtzeit übertragen werden, ein fundamentaler Wandel im Verhältnis von Zeit und Kommunikation. Heute erfolgt Nachrichtenübermittlung digital und in Sekundenschnelle – welch ein Kontrast zur Vorphilatelie, als Zeit noch ein kostbares Gut war.

 

Bezeichnete Zeiten

In bestimmten Fällen, etwa bei Eilsendungen, wurden auch Minutenangaben vermerkt. Diese Dokumente zeigen nicht nur den zeitlichen Ablauf der Beförderung, sondern belegen auch die wachsende Bedeutung von Zeit im postalischen Alltag.

Ein besonderes Dokument der Zeitmessung in der Post sind Stempel mit Uhrzeitangaben. Während frühe Poststempel meist nur Ort und Datum enthielten, kamen später Stundenstempel zum Einsatz – oft in Bahnpostämtern oder Großstadt-Postämtern

In bestimmten Fällen, etwa bei Eilsendungen, wurden auch Minutenangaben vermerkt. Diese Dokumente zeigen nicht nur den zeitlichen Ablauf der Beförderung, sondern belegen auch die wachsende Bedeutung von Zeit im postalischen Alltag.

 

Philatelie als Einladung zu Zeitreisen

Philatelie ist weit mehr als das Sammeln von Briefmarken − sie ist ein Spiegel unserer Geschichte, Kultur und Gesellschaft. Eindrucksvoll zeigt sich dies am Thema Zeit. Denn Briefmarken dokumentieren nicht nur konkrete historische Ereignisse, sondern machen den Verlauf der Zeit sichtbar: in Darstellungen von Menschen, Orten, oder im Wandel gesellschaftlicher Werte. In der kleinen Fläche einer Marke wird Gegenwart zur Vergangenheit, und irgendwann zur Antiquität aus Papier. So darf man mit Berechtigung feststellen: Briefmarkensammler können sich alle Zeit der Welt nehmen.

 

Vom „letzten Schrei“ zur Antiquität

Auch in den Gestaltungsformen spiegelt sich der Wandel. Was einst als modernes Design galt, war oft nach wenigen Jahrzehnten schon veraltet und wird heute als „klassisch“ gefeiert. So lassen sich in vielen der ersten Postwertzeichen Elemente des Biedermeier nachweisen, gefolgt von Historismus und Jugendstil bis zu einer Neuen Sachlichkeit.

Entsprechend durchlaufen Briefmarken, ähnlich wie Kunst, Mode oder Architektur, eine Entwicklung vom Zeitgeist zur historischen Quelle. Die Darstellung von Flugzeugen, Autos oder modernen Gemälden auf Marken reflektiert nicht nur ihre Zeit, sondern wirkt Jahre später oft wie ein Fenster in eine andere Epoche. Philatelisten sprechen daher oft vom Zeugnischarakter der Marke: Sie ist ein Artefakt, das zeigt, wie man zu einem bestimmten Zeitpunkt die Welt sah. Eine Briefmarke aus den 1950er-Jahren beispielsweise mit der Darstellung eines Atomreaktors steht nicht nur für technischen Fortschritt, sondern auch für das damalige Zukunftsvertrauen, das heute vielfach kritischer bewertet wird.

 

Uhren als Zeitmesser

Ein direktes Motiv der Zeitdarstellung in der Philatelie sind Uhren und Zeitmesser. Viele Postverwaltungen haben im Laufe der Jahre Briefmarken mit Sanduhren, Sonnenuhren, Standuhren, Taschenuhren oder auch den Turmuhren herausgegeben, die über Jahrhunderte markante Gebäude geprägt und den Tagesablauf der Einwohner bestimmt haben. Jede dieser Uhren steht nicht nur für eine Art der Zeitmessung, sondern auch für einen kulturellen Kontext – sei es die mittelalterliche Kirchturmuhr oder das stilvolle Wohnaccessoire. Auch auf Stempeln und Ganzsachen tauchen Uhrenmotive auf, oft im Rahmen von Sonderausgaben oder Firmenkorrespondenz.

Erste dezidierte Uhren-Darstellung der Deutschen Reichspost: 6+4 Pfennig Winterhilfswerk 1939 mit dem Grazer Uhrturm. Die Postkarte wurde zehn Tage zu spät verschickt, die Ausgabe hatte am 30.6.1940 ihre Frankaturgültigkeit verloren, daher nachtaxiert (DBA)

Armbanduhr im Freistempel einer Pforzheimer Uhrenfabrik 1941 (DBA)

Zeitreisen durch Jahrhunderte

Eröffnungsfahrt des Postschnelldienstes Berlin am 1. März 1949, nach zehn Minuten von Charlottenburg nach Dahlem zugestellt (Schlegel)

Daten, Kalender und Zeitangaben bilden ein wiederkehrendes Motiv auf vielen Briefmarken. Häufig stellen mehr oder weniger runde Jahrestage den hauptsächlichen Anlass zur Ausgabe von Jubiläumsmarken und nehmen Bezug auf bestimmte Daten, wie 100. Geburtstage oder Todestage, 500 Jahre Reformation, 100 Jahre Verfassung oder 75 Jahre Kriegsende. Einige Motive thematisieren auch direkt Kalendersysteme, etwa den gregorianischen Kalender oder den chinesischen Lunarkalender-Zyklus.

Landung der sowjetischen Rakete „Lunik 2“ auf dem Mond am 13. September 1959 um 22 Uhr, 2 Minuten und 24 Sekunden (DDR MiNr. 721)

Uhren-Motive der DDR zur Leipziger Herbstmesse, 1970

So wird Zeit nicht nur als physikalisches Maß, sondern auch als kulturelles Konstrukt sichtbar. Kalenderbasierte Darstellungen bieten zudem einen Zugang zur geschichtlichen Einordnung: Sie verankern Ereignisse in einer Zeitlinie und schaffen so ein historisches Bewusstsein – nicht nur bei Sammlerinnen und Sammlern.

© Jan-Niklas Kröger

Ein faszinierendes Feld in der Philatelie ist der Vergleich von Städteansichten auf Briefmarken: Wie sah ein bestimmter Ort auf einer Marke in frühen 20. Jahrhundert aus − und wie wird er heute dargestellt?

Manche Postverwaltungen greifen dieses Thema gezielt auf, etwa durch Serien wie „Städte im Wandel“ oder Jubiläen mit historischen Motiven. In der Reihe „Zeitreise durch Deutschland“ sind seit 2022 Ansichten von Köln, Dresden, Berlin und Chemnitz von einst und heutzutage gegenübergestellt worden. Briefmarken werden so zu Zeitzeugen städtebaulicher Entwicklungen, oft auf wenigen Zentimetern Fläche.

 

Von Jugend zu Alter

Eindrücklich spiegelt sich der Lauf der Zeit im menschlichen Gesicht. Auch dies lässt sich in der Philatelie dokumentieren, wie anhand von Porträts historischer Persönlichkeiten. Besonders deutlich wird das am Beispiel der britischen Monarchinnen: Queen Victoria erschien auf den ersten Briefmarken der Welt vom Mai 1840 als junge Frau mit klassischem Profil, die 18-jährig den Thron bestiegen hatte. Fünf Jahrzehnte später wurde sie als betagte Dame mit Witwenschleier dargestellt.

Noch eindrucksvoller ist dies bei Queen Elizabeth II. zu beobachten, deren Konterfei über sieben Jahrzehnte britische Ausgaben zierte: von der jungen Königin in den 1950ern bis zur älteren Monarchin des 21. Jahrhunderts. Auf diesen Marken lässt sich nicht nur der individuelle Alterungsprozess, sondern auch der Wandel von Mode, Frisur und Darstellungsideal ablesen. Briefmarken werden damit zu Miniaturen der Zeitgeschichte, die zeigen, wie ein Mensch sich selbst sieht und darstellen lässt. In einigen Serien wurden sogar bewusst mehrere Lebensphasen auf einer Marke dargestellt, so bei Jubiläen, die das Leben einer Person von der Kindheit bis zum Alter nachzeichnen.

 

Von Wertzeichen zu Zeitzeichen: Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Zeit wird in der Philatelie nicht nur abgebildet, sondern auch symbolisch interpretiert. Die Darstellung von Sonnenauf- und -untergängen, von Jahreszeiten, Uhrzeigern, die kurz vor Mitternacht stehen, Ein Beispiel ist die Darstellung der Erde in Umweltserien, zuweilen kombiniert mit der symbolischen Uhrzeit „fünf vor zwölf“, um die Dringlichkeit ökologischen Handelns zu unterstreichen. Hier wird Zeit zum Appell – nicht nur zur Erinnerung, sondern zur Aktion und Warnung, dass uns „die Zeit davonläuft“. Bilder von Verfall und Erneuerung sind Ausdruck tiefer kultureller Konzepte, der Vergänglichkeit als Mahnung, aber auch als Hoffnungszeichen für Wandel. Briefmarken werden von Wertzeichen zu Zeitzeichen.

© Klemens Ganzenmüller

„Rettet den Wald“, 1985. Die symbolische Warnung: Es ist weniger als „Fünf vor 12“, es sind nur noch drei Minuten, um zu handeln

 

Marken und Briefe als Spiegel der Zeit

Zeit ist im Gesamten wie in vielen Teilaspekten ein zentrales Thema in der Philatelie – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne. Briefmarken zeigen Uhren, Kalender und Datumsangaben, sie reflektieren Vergänglichkeit, Fortschritt und gesellschaftlichen Wandel. Sie dokumentieren, wie Menschen zu bestimmten Zeiten ihre Welt sahen, wie sie sich selbst darstellten und was sie für erinnerungswürdig hielten. Von der Sonnenuhr bis zur Digitalzeit, von Stundenstempeln zu Minutenangaben, vom Porträt einer jungen Königin bis zur Mahnung „fünf vor zwölf“ – die Philatelie macht Zeit sichtbar, greifbar und vergleichbar. Für Sammlerinnen und Sammler ist das nicht nur ein ästhetischer Reiz, sondern eine Einladung, durch kleine Bilder und originale Postsendungen Geschichten zu entdecken und damit den Lauf der Zeit auf Papier nachzuerleben.

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