„Das schwarze Schaf der Familie“

Die sprichwörtlichen Familienbande

Cover vom Magazin für Kommunikation, DAS ARCHIV 3-2026 mit dem Thema Familienbande

Ausgabe

DAS ARCHIV 03/2026

Autor: Rolf-Bernhard Essig

Seiten: 20-21

Streit? „Kommt in den besten Familien vor.“ Und hoffentlich versöhnt man sich schnell. Dann kann man getrost „in den Schoß der Familie zurückkehren“. Vielleicht mit dem derben Spruch: „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“?
Diese Hoffnung auf Versöhnung in der Familie formuliert ein kenianisches Familien-Sprichwort so: „Verwandte sind wie Hintern und Erde.“ Man sitzt dort nämlich traditionell auf der Erde. Bei einem Familienzwist oder vor der Reise eines Verwandten sagt man das Sprichwort als Trost. Hintern und Erde kommen ja selbst nach langem Stehen wieder zusammen, und so soll es auch unter Verwandten sein. Seit Adam, Eva, Kain und Abel gibt es Sprichwörtliches über die Familie.

Redensarten sind in allen Kulturen und Gefühlsnuancen zu finden, von Liebe, Anhänglichkeit, Wertschätzung, Ärger, Wut, Genervtheit bis hin zum Hass. Missgunst und Spott nicht zu vergessen. Sie alle stecken hinter dem rätselhaften Ausdruck von der „buckligen Verwandtschaft“. Die Sprichwortforschung geht davon aus, dass dahinter „bockelig“ aus dem Rotwelschen (Sammelbegriff für Dialekte gesellschaftlicher Randgruppen im Mittelalter) steht. Es heißt „gierig“, und man sagt es ja vor allem bei Familienfesten, wenn die Verwandtschaft des Ehepartners ins Haus steht. Im Laufe  der Zeit wurde es auf „sich krumm und bucklig arbeiten“ bezogen, was die Familie des anderen als primitive Arbeiter abwertete. Das Rotwelsche bewirkte wohl auch den abwertenden Gebrauch des im Ursprung neutralen hebräisch-jiddischen Wortes „mischpacha/mischpoke“ für „Familie“. Längst hört man es im Deutschen ausschließlich ironisch, spöttisch, beleidigend in der Redensart von der „ganzen/ dahergelaufenen Mischpoche/Mischpoke“.