Mediale Familienbilder

Vom Nachkriegsfernsehen bis Social Media

Cover vom Magazin für Kommunikation, DAS ARCHIV 3-2026 mit dem Thema Familienbande

Ausgabe

DAS ARCHIV 03/2026

 

Autor: Sascha Trültzsch-Wijnen

Seiten: 14-15

Mediale Familienbilder spiegeln gesellschaftliche Vorstellungen von Familie nicht nur wider, sondern prägen sie zugleich. Ein Blick auf Fernsehserien und Werbekampagnen verschiedener Jahrzehnte zeigt die Beständigkeit traditioneller Familienideale ebenso wie die wachsende Sichtbarkeit alternativer Familienformen.

Familienbilder begegnen uns überall: als Fotos im Wohnzimmer oder auf dem Schreibtisch, aber auch als professionell inszenierte Darstellungen in Film, Fernsehen, Werbung und sozialen Medien. Private Familienfotos bilden reale Menschen und Lebensgeschichten ab und orientieren sich dabei vielfach an etablierten Bildmustern. Fiktionale Familienbilder sind hingegen besonders wirkmächtig, weil sie gezielt an gesellschaftliche Leitbilder und mediale Erwartungen angepasst werden. Diese dienen wiederum vielen Menschen als Orientierung für die Darstellung ihrer eigenen Familie. Während gemalte Familienporträts nur bestimmten gesellschaftlichen Schichten zugänglich waren, entwickelte sich die Fotografie innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem wichtigen Medium familiärer Selbstvergewisserung und Repräsentation. In der Weimarer Republik wurde das Radio geboren. Der Rundfunk fand schnell seinen Platz im Familienalltag. Nicht alle zahlten dabei die offiziellen Gebühren, und gemeinsames Radiohören wurde zu einem Familienritual. Mit dem Volksempfänger VE 301 hielt neben Unterhaltung auch die nationalsozialistische Propaganda Einzug in die Wohnzimmer und Küchen der deutschen Familien – die Zahl der Hörenden stieg auf 12 Millionen im Jahr 1939. Die schrecklichen Folgen der Desinformation und der rückwärtsgewandten Familienvorstellung des Nationalsozialismus, die über das Radio propagiert wurden, sind uns heute schmerzlich bewusst. Medien gehörten seit der Verbreitung des Rundfunks zum Familienalltag. Der Nationalsozialismus wollte mit den „Fernsehstuben“ auch das Bewegtbild in die Breite bringen. Bis Fernsehen zum festen Bestandteil des Familienalltags wurde, vergingen jedoch noch einige Jahrzehnte.

Erst in den 1950er- und 1960er-Jahren richteten viele Familien ihre Wohn- und Esszimmer auf das Fernsehgerät aus. Auch die Fernsehprogramme selbst rückten Familie in meist konservativer Ausprägung ins Zentrum. Dabei macht es kaum einen Unterschied, ob man in den Anzeigen des Fernsehens oder später in den 1990er Jahren, bei öffentlich- rechtlichen Medien oder Privatsendern nach der Inszenierung von Familie(n) sucht. Erst in den 2020er- Jahren finden Geschichten und Bilder diverserer (Wahl-) Familien zunehmend Eingang vor allem in das Angebot nicht-linearer Streaming-Plattformen. Mit der Verbreitung des Mobilfunks und des Internets in den 2000er-Jahren beginnt eine neue Ära der Familienkommunikation. Telefonate oder E-Mails machten den Kontakt „nach Hause“ unabhängiger von Raum und Zeit. Man war nicht mehr an das Telefon mit Kabel in der Familienwohnung oder an den Gang zur Telefonzelle gebunden. Soziale Medien erweiterten familiäre Beziehungen um digitale Räume, in denen Nähe, Fürsorge und Wahlverwandtschaften gepflegt werden konnten. Dass man auch im digitalen Raum Familie sein kann, mussten wir alle zwangsweise zwischen 2020 und 2023 erleben. Aufgrund der Corona-Pandemie war die Kernfamilie ins Homeoffice und Homeschooling gezwungen. Die erweiterte Familie musste mit Kommunikation im Digitalen Vorlieb nehmen. Dass man mit den Großeltern oder den Cousins und Cousinen nur über Videotelefonie kommuniziert, ist für viele Menschen mittlerweile gewohnte Realität. Digitalisierung und Globalisierung gehen dabei Hand in Hand: Familiäre Netzwerke können sich heute über die ganze Erde spannen und dennoch Teil des Alltags bleiben.

 

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