Ohne Kind
Was ist dann Familie?
Lange war für mich immer klar: Familie ist der Kern unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Hier werden Fürsorge, Vertrauen und Sicherheit geteilt, um aus dem geschützten Raum der Familie hinaus in der Welt zu wirken. In sie werde ich geboren, in ihr wachse ich, in ihr werde ich alt und sterbe. Zu meiner Herkunftsfamilie gehörten meine Eltern, meine Schwester und ein verzweigtes Netz aus Großeltern, Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen. Später vergrößerte sich unsere Familie, weil eigene Kernfamilien gegründet wurden – so kamen Schwager und Schwägerinnen, Nichten und Neffen dazu.
Ich heiratete und wollte als Jüngste auch eine Kernfamilie gründen, um meinen Lebenszyklus in eine Familie einzubetten. Weil es für mich so selbstverständlich war, wie in die Kita, Schule, zur Arbeit und in Rente zu gehen. Ein vermeintlich vorgezeichneter Lebensweg.
Ja, ich habe hinterfragt, ob ich Kinder in die Welt bringen möchte, und habe gezweifelt. Ja, ich habe mit dem sozialen Band meiner Herkunftsfamilie gehadert. Denn trotz meines idealen Familienbildes musste ich schmerzhafte Brüche in meiner Herkunftsfamilie erleben. Dennoch blieb die Idee der Familie für mich unangefochten. Diese unbewussten Wirkkräfte stammen vermutlich aus meiner katholischen Sozialisation. Einerseits. Andererseits ist Familie das strukturgebende, sinnstiftende Element unserer Gesellschaft und wird als Leitmotiv in unserer Kultur vermittelt: Eine Familie zu gründen ist selbstverständlich und Teil eines gelungenen Lebens. Mit „Blut ist dicker als Wasser“ unterstellte mir ein Verwandter in einem Konflikt, ich würde Partei für meine Familie ergreifen. Dieses Sprichwort zeigt, wie stark in unserer Kultur Familie als Blutsverwandtschaft gedacht wird. Auch rechtlich ist Familie in Deutschland eng mit dem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern verbunden – unabhängig davon, ob die Kinder leiblich, adoptiert oder in anderer Weise rechtlich zugeordnet sind. Auch spielt es keine Rolle, in welcher Beziehungsform die Eltern leben, welches Geschlecht sie haben und ob sie leibliche oder soziale Eltern sind. Aber – und darauf will ich hinaus: Familie dreht sich um das Beziehungsverhältnis zwischen Eltern und Kindern.
