„Obgleich ich kaum mehr die Feder halten kann …“

Rilke als Briefschreiber

Ausgabe

DAS ARCHIV 04/2025

Autor: Norbert Hummelt

Seiten: 28-33

Der international berühmteste und meistgelesene deutschsprachige Dichter, dessen Gedenkjahr im Dezember mit dem 150. Geburtstag beginnt und bis zum 100. Todestag im Dezember 2026 mit einer Vielzahl von Ausstellungen, Veranstaltungen und neuen Publikationen begangen wird, war auch der bei Weitem produktivste Briefautor seiner Zeit.

Gelegentlich wäre es doch günstig für ihn gewesen, hätte es vor hundert Jahren schon E-Mail gegeben oder WhatsApp – oder zumindest einen Kopierer. Dann hätte der Dichter Rainer Maria Rilke im Februar 1922 von seinem Sitz im Turm von Muzot im Kanton Wallis nicht jeder und jedem einzeln schreiben müssen, dass es etwas zu feiern gab. Immerhin, man konnte schon telegrafieren, und so erfuhr die Schweizer Freundin Nanny Wunderly am 9. Februar als Erste die umwälzende Neuigkeit: „Sieben Elegien nun im Ganzen fertig jedenfalls die wichtigsten. Freude und Wunder R.“ Diese bündige Kürze war freilich nicht für alle Adressaten das Richtige, und längere Ergüsse zu telegrafieren kam aus Kostengründen nicht infrage. Als Nächstes musste ein richtiger Brief her, auf Französisch, denn er ging an Baladine Klossowska, seine gegenwärtige Geliebte, die er einstweilen fortgeschickt hatte, um in Ruhe arbeiten zu können. Sie hätten sich zwar problemlos auf Deutsch austauschen können, denn Baladine war in Breslau geboren. Aber Rilke liebte es, ihr auf Französisch zu schreiben, weil es distanzierter war – außerdem siezte er sie in Briefen, redete sie dafür aber mit einem Kosenamen an, der an einen berühmten Zauberer erinnerte. „Merline, je suis sauvé!“ – „Merline, ich bin gerettet!“

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