Unterwegs telefonieren
Die wechselhafte Geschichte des Mobiltelefons
Das Mobiltelefon ist 100 Jahre alt. War es anfangs ein Nischenprodukt, ist es in den
letzten Jahrzehnten zum wichtigsten Kommunikationsmedium geworden. Seine
wechselhafte Geschichte zeigt den Wunsch nach Mobilität und einer Möglichkeit, sich überall und jederzeit mit anderen Menschen zu verbinden und auszutauschen. Ist das auch heute noch so? Ja, aber das digitale Multiversum des Smartphones lenkt auch davon ab.
Während sie ein Foto aus einem Dachfenster machte, fiel einer 31-jährigen Frau im Juli 2025 das Smartphone aus der Hand. Sie hatte Glück: Das Gerät rutschte nur in die Dachrinne. Doch als sie auf das Dach stieg, um es zu bergen, befand sie sich plötzlich selbst in einer Notlage. Als die Rettungskräfte eintrafen, die ein besorgter Nachbar gerufen hatte, war die Frau glücklicherweise schon in Sicherheit, gerettet von ihrer Familie. In der Presse wird häufig von waghalsigen Handyrettungsaktionen berichtet, die nicht immer so glimpflich ausgehen. Sie verdeutlichen, wie wichtig die Geräte mittlerweile geworden sind.
Das Mobiltelefon hat sich zum persönlichen Datenspeicher entwickelt: Fotos, Kontakte und Chatverläufe sind darauf gespeichert; ohne den Zugriff auf die darauf installierten Apps lässt sich der digitale Alltag heute kaum noch bewältigen. Bei Verlust gehen sowohl das erweiterte Gedächtnis als auch die vermeintliche Kontrolle über das eigene Leben verloren – es entsteht Trennungsschmerz oder sogar Panik. Nomophobie (No-Mobile- Phone Phobia) heißt dieses Phänomen, das die Professorin Yvonne Görlich 2023 in einer Studie an der PFH Göttingen eingehend untersuchte. Das Ergebnis: 49,4 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer empfanden ein mittleres Maß an Trauer beim Verlust ihres Geräts. Bei 4,1 % kam es zu starken Angstgefühlen. Darüber hinaus gaben 87 % in einer Umfrage vom Februar 2026 an, sich ein Leben ohne Smartphone nicht vorstellen zu können. Die Relevanz des Mobiltelefons steht heute außer Frage. Doch offenbar führt sie auch zu einer Abhängigkeit, die bedenkliche Ausmaße annehmen kann – und dem ursprünglich positiven Gedanken des Telefons für unterwegs widerspricht.
Kabellose Fernstimmen
Anfänglich waren die Ideen zur Übertragung von Fernstimmen fantasievoll. Im 17. Jahrhundert überlegte ein Gelehrter, gesprochene Botschaften in einem
Schraubglas zu verschließen und als Sprachnachricht zu versenden. Andere machten sich über Akustik Gedanken und berechneten die Schallfortpflanzung durch Sprachrohre oder Rohrleitungen für die Sprachübertragung. Praktisch umsetzbar waren diese Ansätze jedoch nicht. Erst im 19. Jahrhundert ermöglichte Elektrizität die Übertragung elektrischer Signale über Leitungen.
Philipp Reis demonstrierte 1876 das erste Telefon. Alexander Graham Bell machte es im selben Jahr marktreif. Es war jedoch ein stationäres Medium, das an ein Kabelnetz angeschlossen sein musste. Bell forschte daher schon kurz darauf an einem Telefon ohne Kabel. 1880 nutzte er Lichtstrahlen, die eine Selenzelle registrierte und in elektrische Impulse übertrug. Mit seinem Light Phone empfing er die ersten drahtlos übermittelten
Worte: „Mr. Bell! Mr. Bell! Wenn Sie mich hören können, kommen Sie ans Fenster und winken Sie!“ Die Reichweite des Lichttelefons war allerdings stark eingeschränkt, sodass Bell das Projekt einstellte, während andere weiter am „wireless telephone“ tüftelten.
Einer davon war der Physiker Amos Emerson Dolbaer, der einen Telefonapparat entwickelte, an dem sich eines Tages ein Kabel löste. Zu seiner Verwunderung
brach das Gespräch nicht ab.
(…)
