von Friederike Valet

 

TEMPO, TEMPO! BIKER AUF ZUSTELLTOUR

Ob François, alias Jacques Tati, der Landbriefträger aus dem Film „das Schützenfest“ (1947), am E-Bike der Deutschen Post AG seinen Gefallen gefunden hätte? Immerhin, er hätte dank des eingebauten Hilfsmotors seine Post noch schneller zustellen können. „Rapidité“ war sein erklärtes Motto, das ihn auf einem klapprigen Fahrrad durch ein verschlafenes französisches Dorf brausen ließ. Sein Antrieb: der neue Zeitgeist aus Amerika, die allgemeine Beschleunigung des Lebens die auch vor der Postzustellung nicht Halt machte. François hatte fortan keine Zeit mehr für ein Schwätzchen hier und ein Gläschen Wein dort.

Kommen wir vom Film ins wahre Leben und damit zu 200 Jahre Fahrrad, das in diesem Jahr allerorten in Deutschland gefeiert wird. Auch bei Deutsche Post DHL, wo nicht nur Express-Kuriere mit dem Parcycle und Zusteller mit Zwei und Dreirädern den Drahtesel nutzen – viele Mitarbeiter fahren sogar mit dem Rad zur Arbeit.

Schneller als die Kutsche

Im Jahr 1817 legte der Badener Tüftler Karl Friedrich von Drais (1785‒1851) mit seinem hölzernen Laufrad die 15 Kilometer lange Strecke von Mannheim zum Relaishaus vor Schwetzingen in einer Stunde zurück. Die Postkutsche benötigte für diese Entfernung angeblich vier Stunden. Unbeabsichtigt hatte Drais damit den Nutzen seiner Erfindung für die Postbeförderung unter Beweis gestellt. Ein Verkehrsmittel, das so viel schneller als die Pferde-Eilpost war und noch dazu kein Heu fraß, hätte Heinrich von Stephan in seiner Amtszeit als Generalpostmeister des Deutschen Reiches seit 1876 eigentlich zu einem engagierten Förderer der Briefzustellung mit dem Fahrrad machen müssen. Sein Blick galt jedoch den „großen“ technischen Errungenschaften im Verkehrswesen und in der Kommunikationstechnik, die er für das Postwesen einsetzte: Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegrafie, Telefon, Rohrpost. Und er hatte Visionen. 1874 sprach er in einem Vortrag vor dem wissenschaftlichen Verein in Berlin von der kommenden Luftschifffahrt, 26 Jahre bevor sich der erste Zeppelin in die Lüfte hob. Eine Wand im Berliner Generalpostamt zierte ein Ausspruch Kaiser Wilhelm II.: „Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen des Verkehrs“.

Das Fahrrad im Postdienst nach einer Zeichnung 1897

Das Fahrrad im Postdienst, nach einer Zeichnung von 1897

Ein Visionär hat Bedenken

Dass das Fahrrad die Mobilität in ebenso revolutionärer Weise vorangetrieben hatte wie die Eisenbahn oder das Auto und somit als Verkehrsmittel eingesetzt werden konnte ‒ Stephan sah es nicht so. Seine Bedenken gegenüber einer Verwendung von Fahrrädern im Zustelldienst äußerte er in einer Unterredung mit einem Journalisten im Januar 1897, ein Vierteljahr vor seinem Tod: „Wenn ein Unfall die Maschine in Unordnung bringt, würde nicht nur für den Augenblick, sondern wahrscheinlich für mehrere Tage eine Störung in der Beförderung der Postsachen eintreten (…). Ferner könnten wir dann nur junge Leute als Landbriefträger verwerthen. Die alten Leute von 60-70 Jahren, die sich meist ganz besonders des Vertrauens der Bevölkerung erfreuen, müßten bei allgemeiner Einführung des Fahrrads im Landpostdienst entlassen werden. Schlechtes Wetter würde den Landbriefträger des Zustandes vieler Wege wegen hindern, sein Rad zu benutzen.“ Und weiter: „In den großen Städten ist meines Erachtens die Verwendung des Zweirades für die Zwecke des Postdienstes erst recht unmöglich. Die Straßen sind jetzt schon gepfropft voll, Unfälle würden in großer Zahl vorkommen, und die Sicherheit der Bestellung, die auch hier unbestritten von der größten Wichtigkeit ist, würde stark beeinträchtigt werden. Auf Grund des Haftpflichtgesetzes könnten wir bei Betriebsunfällen mit kolossalen Beträgen in Anspruch genommen werden“.

Verwendung des Velozipedes bei der Königlichen Postanstalt in Stuttgart zur Einholung von Briefen. Zeichnung von 1988

Verwendung des Velozipedes bei der Königlichen Postanstalt in Stuttgart zur Einholung von Briefen. Zeichnung von 1988

Einführung der Dienstfahrräder

Auf Antrag der Oberpostdirektion Köln hat er schließlich doch „eine Anzahl Fahrräder bewilligt“. Die Verhältnisse seien in Köln andere als in Berlin: „In Köln wird übrigens zur Zeit ein Versuch mit der Bestellung durch Fahrrad-Briefträger gemacht, soweit es sich um Expreßbriefe und Telegramme handelt, doch auch nur in den neuen Stadttheilen mit ihren schönen, breiten Straßen, nicht in der engen und winkligen Altstadt. Man kann das in Köln; es herrscht dort viel Sympathie für das Fahrradwesen; die Leute machen den Radfahrern in den Straßen Platz und begegnen ihnen voll Wohlwollen. Das ist hier anders; der Berliner würde sich nie so verhalten.“

Die Reichspostverwaltung hatte erstmals 1896 während der Berliner Gewerbeausstellung ein Fahrrad zum Transport von Rohrpostsendungen im Einsatz. Aber erst 1898, ein Jahr nach Heinrich von Stephans Tod, wurden Dienstfahrräder in größerem Umfang eingeführt. Die Beamten machte man in einer „Vorschrift für die Benutzung und Instandhaltung der Postfahrräder“ mit den einzelnen Teilen des Fahrzeuges bekannt, um sie dann wortreich über Reinigung, Instandhaltung und Aufbewahrung des Rades aufzuklären. 1910 gab es 7728 Räder, 1933 waren schon 16 692 posteigene Räder im Einsatz. Nicht mitgerechnet sind bei diesen Zahlen die privat genutzen Räder, denn die eher zögerliche Einführung von Dienstfahrrädern seitens der Verwaltung führte dazu, dass vor allem Landpostboten sich eigene Räder kauften und benutzten.

Zustellung mit dem Zweirad, motorisiert und nicht motorisiert, Berlin, 1950er-Jahre

Zustellung mit dem Zweirad, motorisiert und nicht motorisiert, Berlin, 1950er-Jahre

Zustellung mit dem eigenen Rad

Rund 175 Mark, eine für damalige Verhältnisse hohe Summe, musste man für ein Fahrrad aufbringen. Offensichtlich verschuldeten sich einzelne Postler, denn unter Viktor von Podbielski, Heinrich von Stephans Nachfolger, erging im Juni 1897 eine Warnung an die Beamten. Die hohen Anschaffungs- und Instandhaltungskosten für ein Fahrrad könnten, die „wirthschaftliche Zerrüttung unbemittelter Beamten zur Folge haben. (…) Dazu tritt womöglich die Neigung, im Sportanzuge zu fahren, Radfahrvereinen sich anzuschließen und dergleichen, was ebenfalls zu nicht unerheblichen Ausgaben nöthigt. (…) Beamte, welche sich Fahrräder beschaffen, haben falls sie später in Noth geraten, auf Unterstützung seitens der Verwaltung in keinem Fall zu rechnen.“

Der Warnung zum Trotz wurde das Fahrrad als Beförderungsmittel bei der Post seit den 1920er-Jahren verstärkt eingeführt. Die aus Amerika kommende Rationalisierungsbewegung hatte auch die Briefbeförderung erfasst: 1922 waren 3.495 Landzusteller mit dem eigenen Fahrrad unterwegs – man ermunterte sie jetzt sogar, das eigene Rad zu verwenden und zahlte Entschädigungen für die Abnutzung. Wer posteigene Fahrräder nahm, bekam dafür wettertaugliche Dienstkleidung. Sogar Fahrräder mit Hilfsmotor wurden getestet. Sie bewährten sich allerdings damals noch nicht.

Schwer bepackt durch den Schnee, 1962

Schwer bepackt durch den Schnee, 1962

Das Rad bei der Post im Jahr 2017

Das Motto Schnelligkeit von Jaques Tati gilt heute mehr denn je. Die Erkenntnis, dass man mit der Zustellung per Fahrrad viel Zeit sparen kann, hat sich längst durchgesetzt.

 

 

Literatur
  • Archiv für deutsche Postgeschichte, H.2, 1974, S. 93.
  • Deutsche Verkehrszeitung (DVZ), 21 (1897), Nr. 4, S. 84-85.
  • Handwörterbuch des Postwesens, Berlin 1927 und 1953.
  • „Im Paradies fuhren die Studenten auf Laufrädern“. Mit 100 Sachen durch die Landesgeschichte. Katalog zur Ausstellung im Württembergischen Landesmuseum. Stuttgart 2002.
  • Ledat: Die Mittel des Postverkehrs, Post und Telegraphie in Wissenschaft und Praxis (21), Berlin 1923.
  • Fritz Olthoff: Ein rüstiges Geburtstagskind, in: Postgeschichtliche Blätter aus dem Eser-Ems-Gebiet 39 (1993), H.2, S. 39-45.
  • Post-Biker auf Zustelltour. Arbeitsschutz-Merkblatt. Unfallkasse Post und Telekom. Tübingen o.J.
  • Schneider: Die Verkehrsmittel der Post. Post und Telegraphie in Wissenschaft und Technik (21), Berlin 1934.
  • Stille Post in harten Zeiten. Sonntag Aktuell, 14.8.2005.
  • Vorschrift für die Benutzung und Instandhaltung der Postfahrräder, Berlin 1905.