Cover vom Magazin für Kommunikation, DAS ARCHIV 3-2026 mit dem Thema Familienbande

DAS ACHRIV 3/2026

Autor: Charlotte Backhaus

Seiten: 24-25

Gemeinschaft zwischen Fürsorge und Kontrolle

Das Postamt Schwarzenberg vor dem die Postfamilie steht.
Das Postamt Schwarzenberg, 1909
(c) MSPT

Die staatliche Post prägte für Generationen von Beschäftigten nicht nur den Berufsalltag, sondern auch eine spezielle Identität und Verbundenheit. Seit dem späten 19. Jahrhundert entstand rund um die Post als einem der größten Arbeitgeber ein dichtes Netz von kulturellen, sozialen und gesundheitlichen Angeboten. Die vielfach beschworene „Postfamilie“ bezeichnet nicht nur betriebliche Zugehörigkeit, sondern steht für ein Gefüge aus Fürsorgeeinrichtungen, Vereinen und gemeinsamen Traditionen. Zugleich verdeckt die Familienmetapher die hierarchischen Strukturen und soziale Kontrolle, die diese Gemeinschaft ebenso prägten.

Die „Postfamilie“.

Der Begriff „Postfamilie“ ist kein offizieller Verwaltungsbegriff. Er begegnet uns in Erinnerungen, Vereinschroniken und Festschriften als Selbstbeschreibung der Beschäftigten – und suggeriert Nähe, Solidarität und lebenslange Zugehörigkeit. Die Sammlungen der Museumsstiftung Post und Telekommunikation (MSPT) bewahren zahlreiche Zeugnisse dieses organisierten Soziallebens.

Mehr als ein Arbeitgeber

Für viele Beschäftigte endete die Zugehörigkeit zur Post nicht mit Dienstschluss. Der Arbeitgeber prägte Freizeit, Urlaub, Wohnsituation, Vereinsleben und häufig den Freundeskreis. Insbesondere in ländlichen Regionen arbeiteten oft mehrere Generationen derselben Familie bei der Post. Die „Postfamilie“ beschreibt auch die große Reichweite und Bedeutung der Institution im Alltag ihrer Beschäftigten. Auffällig ist die Dichte und Vielfalt der Einrichtungen und Organisationen: Dazu gehörten Postsport- und Gesangsvereine sowie Spar- und Darlehnsvereine oder Wohnungsbaugenossenschaften. Zudem gab es soziale Einrichtungen wie die Postkleiderkasse, das Kantinenwesen, posteigene Erholungsheime, Witwenversorgung oder Waisenheime, die Menschen über ihre gesamte (Berufs-)Biografie an die Post banden. Der Posttöchterhort, ursprünglich zur Versorgung verwaister Töchter verstorbener Postbediensteter gegründet, weitete diesen Aufgabenbereich später auf Mütter und männliche Nachkommen aus.

Aus frühen allgemeinen Postvereinen entwickelten sich spezialisierte Vereine wie Chor- und Musikvereinigungen. Besonders der Postsport gewann seit den 1920er- Jahren an Bedeutung. Reichsweit organisiert und durch das Reichspostministerium sowie die Oberpostdirektionen finanziell unterstützt, verstanden sich die Postsportvereine explizit als Einrichtungen der Freizeitgestaltung und grenzten sich vom leistungsorientierten Betriebssport ab.

Im Zuge eines wachsenden Bewusstseins für den Wert von Erholung sollte zur „Erhaltung der Arbeitskraft und der Gesundheit sowie zur Hebung der Dienstfreudigkeit“ beigetragen werden. Die Schaffung geeigneter Erholungsstätten wurde weitgehend der Initiative des Personals überlassen, häufig jedoch finanziell von der Post unterstützt. Berliner Postbeamte errichteten 1907 in Templin ein Erholungsheim. 1937 unterhielt die Post bereits 33 eigene Erholungsheime. Für viele Beschäftigte bot sich dadurch erstmals die Möglichkeit eines Urlaubs.

(…)

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Klaus Holzer fing 1966 als Fernmeldelehrling bei
der Post an. Nach verschiedenen Stationen in der
Organisation arbeitete er zuletzt in der Generadirektion
der Deutschen Telekom. Für dieses Magazin
erinnert er sich:
„Wir waren stolz, ,Fernmeldelehrlinge‘ sein zu können,
und diese Ausbildungszeit war so ziemlich das Beste, was
mir als Volksschulabgänger passieren konnte. […] Lehrlingschor,
absoluter Rückhalt, aber auch Strenge vom Leiter
der Lehrwerkstatt, wöchentlicher Dienstsport mit der
Vorgabe: als erstes wird dafür gesorgt, dass es zum Ende
des ersten Lehrjahres keine Nichtschwimmer mehr in diesem
Jahrgang gibt, danach auch Sportplatz oder Halle.“
„Bei der damaligen Deutschen Bundespost haben alle
Bereiche offen und ohne Ressentiments zusammengearbeitet
und jeder Bereich wusste, wo seine Aufgaben sind.
Heute werden die neuen Bereiche gezwungen, wie Firmen
miteinander umzugehen.“

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