Ernst Heinrich Wilhelm von Stephan (geadelt 1885), Generalpostdirektor des Deutschen Reiches und Staatssekretär des Reichspostamts, Staatsminister, Stolp/Pommern

7.1.1831 – Berlin, 8.4.1897

Der bedeutende Organisator und Verwaltungsfachmann der Deutschen Reichspost wuchs als Sohn eines Schneidermeisters und Gastwirts in Stolp in Hinterpommern auf. Nach dem Besuch der Ratsschule trat Stephan 1848 als Schreiber in den Postdienst ein. Auf die Ausbildung zum Postassistenten in Marienburg und Danzig folgten erste Verwendungen bei den Postdirektionen in Köln und Frankfurt an der Oder. 1858 wechselte der zum Postrat Ernannte an das Generalpostamt in Berlin, wo er mit der Pflege internationaler Beziehungen betraut wurde. Als Bevollmächtigter Preußens leitete er 1866 die Verhandlungen zur Aufhebung der Thurn-und-Taxis-Post in Frankfurt und Regensburg. Im Jahr 1870 wurde Stephan als Generalpostdirektor an die Spitze der Norddeutschen Bundespost und 1874 in den Preußischen Staatsrat berufen. 1895 erhielt er im Reichspostamt den Rang eines Staatsministers. Stephan war in erster Ehe mit der ungarischen Opernsängerin Anna Tómala und nach ihrem frühen Tod in zweiter Ehe mit Elisabeth Balde, der Tochter eines Berliner Oberpostdirektors, verheiratet.

Die Amtszeit des Postobersten war von einer überwältigenden Fülle an Reformen und Initiativen getragen. Als Leiter der Bundespost führte Stephan 1870 die „Correspondenzkarte“ zum Groschentarif ein und zeichnete während des Krieges mit Frankreich in den Jahren 1870/71 für die Versorgung der mobilen Truppen verantwortlich. Als Chef der Reichspost gründete er Reichspostdampferlinien nach Übersee und gemeinsam mit dem Ingenieur Werner von Siemens einen Elektrotechnischen Verein. Den neu entstehenden Telefonbetrieb ordnete er dem Postmonopol unter und erreichte eine Gleichstellung der Generalpostverwaltung mit allen übrigen Reichsämtern. 1874 tagte unter seinem Vorsitz in Bern erstmals der Weltpostverein mit dem Ziel einer Vereinheitlichung der vormals vielen verschiedenen Posttarife. Endlich legte er eine umfangreiche Sammlung postalischer Erinnerungsstücke an, aus der das Reichspostmuseum hervorgehen sollte.

Stephan war Träger zahlreicher Auszeichnungen und Ehrungen, darunter die Ehrenbürgerrechte der Städte Stolp, Köln und Bremerhaven. 1873 verlieh ihm die Philosophische Fakultät der Universität Halle die Ehrendoktorwürde, Wilhelm II. erhob ihn im Jahr 1885 in den erblichen Adelsstand. Als Vorgesetzter und im Kreis der Kollegen und Freunde erfreute sich Stephan großer Beliebtheit. Als lebhaften, begeisterungsfähigen Menschen schilderte ihn der Maler Anton von Werner, Wilhelm II. schätzte ihn als klugen Ratgeber. Reichskanzler von Bismarck pries seine Begabung als Politiker, verübelte ihm jedoch seine heftige Neigung zu Eitelkeit und Geltungsdrang. Anlässlich seines Todes im Jahr 1897 urteilte die Berliner „National-Zeitung“, Stephan habe „der ganzen Welt unermesslichen Nutzen gebracht und unserer Zeit mit ihr Gepräge gegeben“.