Ständig im Stress?

Wie Stress ein Thema für den Arbeitsschutz wurde

Ausgabe

DAS ARCHIV 02/2025

Autor: Bernd Holtwick

Seiten: 18-23

Er ist ein beliebtes Thema für den Small Talk: der Stress. Da ist man sich schnell einig – aber worüber eigentlich? Schon wird es kompliziert. Was genau ist Stress? Die Folge von zu viel Arbeit? Ein Gradmesser für Leistung? Gut oder ganz schlecht? Muss man und kann man etwas dagegen unternehmen? Das Thema ist hochaktuell, reicht aber historisch weit zurück.

Der Schlafende, dargestellt auf einer Karikatur aus dem Jahr 1891, steht nach dem Besuch der Frankfurter Elektrotechnischen Ausstellung geradezu unter Strom

Rund 150 Jahre ist es her, dass sich erstmals die Aufmerksamkeit der Wissenschaft und der Öffentlichkeit auf sogenannte „Nervenleiden“ richtete. Der New Yorker Neurologe George Beard hatte in den USA für ein diffuses Krankheitsbild den Begriff Neurasthenie eingeführt und publizierte 1880 zur „nervösen Erschöpfung“ und „amerikanischen Nervosität“. Diese schienen in engem Zusammenhang mit den Umbrüchen zu stehen, die die Industrielle, nach Beard die „elektrische Revolution“ mit sich gebracht hatte. Bald wurde die „Nervosität“ geradezu als Kennzeichen der modernen Welt betrachtet – auch in Europa. Während Frauen eher die schon seit der Antike so benannte Hysterie attestiert wurde, war den Männer die Diagnose der „Neurasthenie“ vorbehalten. Gerade die besonders Leistungswilligen schienen für diese Erkrankung anfällig zu sein, so der Journalist Bernd Ulrich in einem Text über die Nerven- und Nervositätsdebatten vor 1914. In der Wahrnehmung der zeitgenössischen Medizin, so Ulrich, handelte es sich eher um eine Krankheit des Bürgertums, das die moderne Wirtschaft prägte und dann wiederum unter den damit verbundenen Zwängen und Anstrengungen litt.

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