
Ein Beitrag von Axel Brockmann
Ein Postsparbuch erzählt Geschichte:
Fliegerhorst Giebelstadt
Giebelstadt, im Süden von Würzburg gelegen, war ursprünglich ein landwirtschaftlich geprägtes Örtchen. Im Jahr 1935 hatte Giebelstadt lediglich zwischen 750 und 800 Einwohner. Das sollte sich mit dem Bau eines Fliegerhorstes südöstlich der Gemeinde ändern. Mit dem Baubeginn des Militärflugplatzes ab 1934 und dem Zuzug von Soldaten und Zivilbeschäftigten stieg die Einwohnerzahl rasch an. In den Jahren 1935 bis 1937 entstanden die Ost- und Westsiedlungen gezielt für das Personal der Luftwaffe. Die Bevölkerung wuchs auf über 2.000 Bewohner. Auch postalisch musste „nachgerüstet“ werden. Eine eigene Poststelle im Fliegerhorst diente dem besonderen Bedarf des Militärs und auch des zivilen Gefolges. Was war da los in Giebelstadt?
Die Geschichte beginnt im Jahr 1928 mit der Suche nach einem geeigneten Standort für einen Militärflugplatz durch das Wehrkreiskommando München. Wegen der besonders günstigen klimatischen und topographischen Bedingungen erhält Giebelstadt den Zuschlag. Im Jahr 1934/5 wurde der Fliegerhorst Giebelstadt von der Luftwaffe erbaut und am 17. September 1936 bei einer Truppenparade vom Adolf Hitler eröffnet. Nach dem Tod Hindenburgs im August waren die Ämter des Reichspräsidenten und Reichskanzlers zusammengelegt worden. Hitler nennt sich fortan „Führer und Reichskanzler“. Er war damit Alleinherrscher der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschlands geworden. Und die Kriegsvorbereitungen liefen bereits; auch in Giebelstadt.
Die ersten stationierten Flugzeuge waren Bomber des Typs Heinkel HE 111, die zum Kampfgeschwader 53 gehörten, das in Giebelstadt stationiert war. Das Kampfgeschwader 53 hatte Ehrenbezeichnung „Legion Condor“ in Erinnerung an Einsätze im spanischen Bürgerkrieg. Vom Flugplatz Giebelstadt aus wurden im Zweiten Weltkrieg zudem etliche Einsätze an die Front in Frankreich geflogen. Außerdem wurden dort unter strenger Geheimhaltung die ersten Versuche mit der düsengetriebenen Messerschmidt Me 262 und der raketengetriebenen Messerschmidt Me 163 unternommen. Aus Geheimhaltungsgründen ist der Flugplatz damals aus allen Landkarten gelöscht worden.
Im Poststempel blieb der Fliegerhorst allerdings erhalten; zunächst zumindest.
In Zeiten von Lohn- oder Soldtüte war ein Postsparbuch ein idealer Begleiter. Das dachte sich wohl auch der Soldat und Unteroffizier Hans Neudecker der in Giebelstadt stationiert war. Am 20.Januar 1940 eröffnete er auf der Poststelle im Fliegerhorst ein Postsparbuch. Der Postbeamte vermerkte anstelle einer Straßenanschrift „Giebelstadt 2“ und als Angabe der militärischen Einheit: „Fl Horst Kp“ Eine Fliegerhorstkompanie war eine militärische Bodeneinheit der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg, die für den reibungslosen Betrieb, die Sicherung und die Verwaltung eines Militärflugplatzes (Fliegerhorst) zuständig war. Neudecker war somit kein Teil der fliegerischen Einheiten, gehörte aber trotzdem zur Luftwaffe. Interessant ist hier die Ortsangabe mit der zusätzlichen Ziffernangabe 2., die offensichtlich schon 1940 -bei Ausstellung des Postsparbuches – verwendet wurde. Die Eröffnung bestätigte der Postbeamte mit dem Abdruck des Tagesstempel mit dem Zusatz Fliegerhorst.

Die erste Einlage auf dem Postsparbuch waren 200 Reichsmark. 200 Reichsmark aus dem Jahr 1940 entsprechen heute nach Kaufkraftäquivalenten der Deutschen Bundesbank einem Wert von rund 1.020 Euro. So schlecht dürfte der Sold eines Soldaten also damals nicht gewesen sein, was auch weitere Einzahlungen belegen. Zudem brachten die Guthaben auf einem Postsparbuch immerhin 2 3/4 Prozent Zinsen. Zinsgutschriften sind auf dem Sparbuch jedoch nicht ersichtlich.

Gerade unterwegs war ein Postsparbuch eine große Hilfe und auch Schutz vor Bargelddiebstahl, da ja Auszahlungen nur mit der zugehörigen Ausweiskarte (siehe Abbildung oben) im gesamten Reichsgebiet möglich waren. Ging es zum Heimaturlaub nach Einhausen bei Bensheim ins heutige Hessen? Das Postsparbuch belegt die Anwesenheit dort zumindest durch zwei Abhebungen. Auch die Rückkehr des Soldaten zum Fliegerhorst mit einer erneuten Einzahlung im März 1940. Dabei nutzte der Postsparer immer die Poststelle im Fliegerhorst
1940 musste man noch nicht mit alliierter Luftaufklärung rechnen. Trotzdem gab es wohl Sorgen, dass die Angabe „Fliegerhorst“ im Tagesstempel zum Problem werden könnte und die Lage des Fliegerhortes dadurch bekannt werden könnte. Neutraler wäre da die Bezeichnung mit einer Postamtsnummer. Diese war ja bereits mit der Nummer 2 schon mindestens seit Jahresanfang bekannt. Der Austausch der Stempel muss dann im weiteren Verlauf des Jahres 1940 erfolgt sein. Ein an den Fliegerhorst zugestelltes Paket belegt jedenfalls den Stempel „Giebelstadt 2“ bereits im Juli 1940.

Auch das Postsparbuch selbst belegt den Wechsel des Poststempels in einen „neutralen“ Stempel ohne die Angabe Fliegerhorst. Diese dürfte zwischen März 1940 und Juli 1940 vollzogen worden sein. Daneben erfolgten Eintragungen im Postamt 2 in Würzburg.


Was wurde aus unserem Soldaten und seinem Sparguthaben? Die letzten Einträge erfolgten nicht mehr in Giebelstadt sondern im Jahr 1942 in Hildesheim (NIedersachsen) und zuletzt im Dezember 1942 in Ochsenfurt. Ochsenfurt liegt nur rund 12 Kilometer von Giebelstadt entfernt am Main. Über das Restguthaben von fünf Reichsmarkt wurde nicht mehr verfügt und es erfolgte auch keine Weiterverwendung oder Währungsumstellung im Rahmen der Währungsreform. Das Postsparbuch und seine Ausweiskarten haben die Jahre überlebt und sind so ein kleines Zeugnis bedeutender Kriegsereignisse in einem kleinen Ort. Verkauft wurde das Sparbuch 2026 bei EBay.
(…)
Der Flugplatz Giebelstadt wurde trotz versuchter Geheimhaltung gegen Kriegsende das Ziel schwerer Bombenangriffe. Die Schäden am Fliegerhorst wurden 1944 durch Häftlinge des KZ Flossenbürg beseitigt, die auch zum Ausbau des Fliegerhorstes eingesetzt wurden.
Noch vor der Kapitulation der deutschen Truppen wurde der Flugplatz durch die amerikanische „12 th Armored Division“ eingenommen. Das dürfte auch das Ende des Postamtes auf dem Fliegerhorst gewesen sein.

Heutige Straßenansicht von Giebelstadt (c) Open StreetMap
Eine Zäsur brachten die Nachkriegsjahre: Zwischen 1947 und 1949 lebten temporär rund 1.600 jüdische Holocaust-Überlebende („Displaced Persons“) in den Siedlungen. In den folgenden Jahrzehnten wuchs der Ort durch den Zuzug von Heimatvertriebenen und die Stationierung amerikanischer Truppen stetig weiter.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Flugplatz selbst von den United States Army Air Forces übernommen und hieß von da an „Giebelstadt Airfield“. 1947 wurde die Landebahn auf ihre jetzige Länge ausgebaut. Stationiert waren dort unter anderem U2-Spionageflugzeuge. Vom 15. Januar 1948 bis 1950 war der Flughafen geschlossen und nur mit einer Wachmannschaft besetzt. Später wurde der Flugplatz von Raketeneinheiten der US-Armee und der Bundeswehr genutzt. Ab 1981 bis zum 1. Juli 2000 waren die 12. Heeresfliegerbrigade und die 69. Air Defense Artillery in Giebelstadt stationiert. In der Zeit der amerikanischen Nutzung gab es auch wieder ein Feldpostamt: APO AE 09182.
Nach dem Abzug der US-amerikanischen Truppen wurde die Nutzung als Militärflugplatz eingestellt. Das Gelände ist am 31. Dezember 2006 an die Bundesrepublik Deutschland zurückgefallen. Der Flugbetrieb wird im Februar 2007 wieder aufgenommen und durch den Flugsportclub Giebelstadt (FSCG) tatkräftig unterstützt. 2008 erwirbt die Verkehrslandeplatz Giebelstadt Holding GmbH 125 ha des Flugplatzareals und beschließt, den Flugplatz zu einer öffentlichen Verkehrseinrichtung für die Region Würzburg/Kitzingen zu entwickeln. 2010 erfolgt die Konversion vom militärischen Flugplatz zum zivilen Business-Airport, der im Januar 2012 seine Zulassung für den Instrumentenanflug (R-NAV) erhält.
Hinweis zur Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole
Die in dieser Arbeit gezeigten oder besprochenen Symbole, Embleme und Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus dienen ausschließlich den Zwecken der historischen Forschung, der wissenschaftlichen Lehre und der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens.
Die Verwendung und Abbildung dieser Kennzeichen erfolgt in Übereinstimmung mit § 86a Absatz 3 i. V. m. § 86 Absatz 4 des Strafgesetzbuches (StGB) (sogenannte Sozialadäquanzklausel). Eine darüber hinausgehende, verherrlichende oder propagandistische Nutzung im Sinne des Gesetzes ist ausdrücklich nicht beabsichtigt.