Über Fotografien zu Postbauten aus der Sammlung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Die Recherchen zum Heft über die Architektur von Postbauten waren umfangreich und aufschlussreich, denn wohl zu kaum einem anderen Thema hat die Museumsstiftung Post und Telekommunikation vergleichbar viele Fotografien – und wir konnten aus Platzmangel das Thema Innenräume und Schalterhallen gar nicht berücksichtigen. Da sind zunächst die hochartifiziellen „Lichtbilder“, die herrschaftliche Postpaläste aus der Gründerzeit betreffen, dann Aufnahmen aus den 1920-er bis in die 1950er-Jahre, die vor allem für die Bauten der Bayrischen Postbauschule in großer Fülle vorhanden sind. An einigen der dokumentierten Gebäude, das zeigen Bildvergleiche, wurde die Sanierung so sorgfältig ausgeführt, dass es heute scheint, die Zeit sei stehen geblieben.

Rückseite des Postamts am Harras, 1930er-Jahre

Rückseite des Postamts am Harras, 2019 (Foto Margret Baumann)

 

Das ist sie aber nicht. Nicht nur in der Umgebung des legendären Rundbaus der Post am Goetheplatz, dessen Wandel im Lauf der Jahre am besten die Gebäude daneben markieren – „Roxy“ und heute der Royal Filmpalast stehen an Stelle der Wohnhäuser der Vorkriegsjahre – und den derzeit wieder Planen verhüllen, ist es faszinierend, den Wandel des Stadtviertels rund um die Post zu verfolgen. Das gilt für die Münchner Innenstadt genauso wie für die Stadtteile Giesing oder Sendling.

Post am Goetheplatz, 1950er-Jahre

Die Post am Goetheplatz, 1970er-Jahre

 

Die Post am Goetheplatz in München, August 2019

 

 

Die Post am Goetheplatz, 2019

 

 

Die luxuriöseste Immobilie, die einst die „Residenzpost“ beherbergte, dann, so die Schlagzeilen, von einem russischen Investor übernommen und ausgebaut wurde zu einem luxuriösen Geschäfts- und Wohnhaus, bietet einen lebendigen städtischen Blick auf die Oper und die Maximilianstraße. Wer dort wohnen will, müsste, so eine Immobilienanzeige im Internet, 5.795 Euro Kaltmiete für 136 Quadratmeter Wohnfläche aufbringen.

Welch ein Unterschied zu den Jahren, als es in München noch viel günstigen Wohnraum gab, beispielsweise dank genossenschaftlichen Wohnens. Und auch die Residenzpost, wenngleich eine Limousine davor parkt und gut gekleidete Menschen sie betreten, mutete nach der Sanierung nach dem Zweiten Weltkrieg auf einem Foto von Herbert List aus dem Jahr 1957 nicht außergewöhnlich prunkvoll an.

Das Adelspalais war zwar „zur Stadtverschönerung“ 1834, nachdem es die Postdirektion erworben hatte, von Leo von Klenze mit einer Loggia versehen worden und die Wandmalereien waren seit jeher eine Attraktion, aber 1944 wurde der Bau schwer beschädigt und brannte aus. Bis 1956 ließ die Oberpostdirektion einen modernen Neubau errichten, in den die erhaltene Bogenhalle integriert wurde.

Residenzpost München, 1957; Foto: Herbert List

Das Foto ist entstanden, als Herbert List, damals der Agentur Magnum assoziiert, im Sommer 1957 einen Auftrag der Münchner Oberpostdirektion annahm und in verschiedenen Dienstbereichen Menschen und Gebäude aufnahm. Von der Serie sind Kontaktabzüge in der Fotosammlung des Stadtmuseums München erhalten und wenige Abzüge in der Sammlung der MSPT.

Immer von professionellen Fotografen, kontinuierlich und genau, wurden auch die Bauprojekte der Post in den 1970er- und 1980 festgehalten. Sie ermöglichen Vergleiche und dokumentieren eine Bauphase, die heute eher geringe Wertschätzung erfährt. Mit dem Begriff „Brutalismus“ wird die dominierende Architektur zwischen etwa 1960 und dem Anfang der 1980er-Jahre „überwiegend negativ rezipiert“, der „geprägt ist von der Verwendung von Sichtbeton, der Betonung der Konstruktion, simple geometrische Formen und meist sehr grobe Ausarbeitung und Gliederung der Gebäude“.

Eine grobe Analyse der bundesweiten Sanierungsprojekte, nach deren Abschluss ehemalige Postbauten als Wohnraum, Büros, Eventlocations oder luxuriöse Shoppingtempel wiederauferstehen, zeigt, dass auf den Erhalt der in diesen Jahren entstandenen Post- und Fernmeldegebäuden wenig Wert gelegt wird, während historische Bausubstanz von vor über 100 Jahren eher auf Investoren-Interesse stößt. Kaiserliche Postämter bleiben erhalten, Betonbauten, vermeintlich langlebig und modern, drohen Bagger und Abrissbirne.

Das kaiserliche Postamt in Bad Homburg

Das kaiserliche Postamt in Bad Homburg von 1893 nach der preisgekrönten Sanierung, 2018

 

 

 

Das neue Postamt in Bad Homburg, ein Bau aus den 1970er-Jahren: „Und wieder bohrt sich der Arm des Baggers gefräßig in das Gemäuer. Mit dem Schaufelbiss verschwindet ein Stück Bad Homburger Postgeschichte – der Abriss der alten Post am Bahnhof geht mit Volldampf voran“, kommentierte die Frankfurter Rundschau im April 2017. Und kostete über 700 000 Euro.

Die frühere Oberpostdirektion Freiburg, in den 1970ern gebaut, diente der Telekom (Foto: 2009) als Hauptsitz

 

Ein Gebäude aus der Betonbau-Zeit, das noch steht, ist die frühere Oberpostdirektion in Freiburg, die 15 000 Bedienstete hatte und 1989 aufgelöst wurde. Die Telekom übernahm das Gebäude als Firmensitz, 2013 mietete die Stadt mehr als 10 000 Quadratmeter Bürofläche in dem „braunen Betonkomplex“ an. Im April 2017 meldete die Stadt Freiburg, dass für alle Fragen rund um Integration und Migration das Telekom-Gebäude in der Berliner Allee die erste Adresse sei: Die zuständigen Stellen für Wohnen, Sozialbetreuung, Arbeitsmarktintegration, Geld- und Sachleistungen, Bildungsangebote versammelten sich unter einem Dach. „In den neuen Räumlichkeiten im ehemaligen Telekomgebäude hat zeitgleich auch das Kompetenzzentrum für Geflüchtete seine Arbeit aufgenommen. Damit hat Freiburg als eine der ersten Kommunen in Deutschland eine auf migrationsspezifische Anforderungen orientierte Behörde geschaffen.“

Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, teilen Sie ihn: