Das Denkmal der Grauen Busse. Ein Kunstprojekt als Transportmittel verdrängter Geschichte

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Beschreibung

Das Denkmal der Grauen Busse

Ein Kunstprojekt als Transportmittel verdrängter Geschichte

Ausgabe

Das Archiv 1/2014

Autor: Andreas Baisch-Valet

Seiten: 36-39

„Wohin bringt ihr uns?“, so lautet die bange Frage eines hilfsbedürftigen Menschen, der gezwungen wird, einen Omnibus zu besteigen. Das vertraute, zuverlässige Verkehrsmittel verwandelt sich für ihn in ein bedrohliches, ja lebensbedrohliches Gefährt, bringt ihn fort aus seiner gewohnten Umgebung. An den Heil- und Pflegeanstalten des nationalsozialistischen Deutschland fuhren in den Jahren 1940 und 1941 in unregelmäßigen Abständen solche Busse vor, und dann spielten sich in den Heimen und in den Fahrzeugen entsetzliche Tragödien ab. Auf Namenslisten geführte Bewohner wurden abgeholt und in sechs über das ganze Land verteilte Tötungsstätten deportiert. Die Fahrzeuge gehörten der Gemeinnützigen Krankentransport GmbH, kurz Gekrat, einer Unterabteilung der für die Ermordung zuständigen Sonderbehörde „T4“. Diese hatte die Busse von der Reichspost übernommen und zunächst auch deren auffälliges Erscheinungsbild – rot mit hellem Seitenstreifen und dem Hoheitszeichen der Post – beibehalten. Später wurden die Fahrzeuge mit grauer Tarnlackierung versehen, die Fenster gekalkt oder zugeklebt.

Ludwig Schlaich, damals Leiter der württembergischen Anstalt Stetten im Remstal, schrieb nach dem Krieg auf, wie er die grausamen Prozeduren erlebte, und erinnerte sich an erschütternde Szenen: Eine 65-jährige geistig behinderte Bewohnerin, so heißt es da, „sprang wochenlang von einem Fenster zum anderen, um zu sehen, ob die gefürchteten Omnibusse kämen. Sie, die während ihres langjährigen Anstaltsaufenthaltes nie einen Brief abgesandt hatte, schrieb nun ihrem Bruder, er solle sie doch holen. Er gab keine Antwort darauf. Als ihr dann gesagt werden musste, sie solle auf den Sammelplatz gehen, brach der ganze Jammer über sie herein.“ Eine andere Bewohnerin, die nicht verstand, was vor sich ging, sagte: „Ach, warum weinen, wir dürfen doch eine schöne Omnibusfahrt machen.“ Für die meisten Opfer aber war klar, dass es sich um eine Fahrt in den Tod handelte. Denn es hatte sich schnell herumgesprochen, dass die Abgeholten nicht zurückkehrten, wohl aber ihre Kleidung. Deshalb versuchten viele bei Ankunft der Busse zu fliehen oder sich zu verstecken, andere flehten um ihr Leben oder gaben ihrer ohnmächtigen Verzweiflung Ausdruck, etwa durch den Ausruf: „Was kann ich dafür, dass ich so bin und dass man mir das tut?“

(…)

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