Das Ende der Kontrolle? Über die Zukunft der Reputation in der Ära von Smartphone und Internet

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Beschreibung

Das Ende der Kontrolle?

Über die Zukunft der Reputation in der Ära von Smartphone und Internet

Ausgabe

Das Archiv 3/2013

Autor: Hanne Detel

Seiten: 54-61

Im Mai 2008 ereignet sich in der südwestchinesischen Provinz Sichuan eine dramatische Naturkatastrophe: Bei einem Erdbeben der Stärke 7,9 auf der Richterskala kommen mehr als 69 000 Menschen ums Leben, rund 375 000 werden verletzt. Ganz China ist schockiert über das Ereignis. In der Woche darauf ordnet die Regierung Staatstrauer an, drei Tage lang soll der Opfer des Erdbebens gedacht werden. Die Flaggen im Land wehen auf Halbmast, Unterhaltungslokale wie Diskotheken oder Karaoke-Bars sind geschlossen, selbst der olympische Fackellauf wird für diesen Zeitraum unterbrochen. Auch im Internet wird getrauert: Große Webportale erscheinen in den chinesischen Trauerfarben Weiß, Schwarz und Gelb, Spiele- und andere Unterhaltungsseiten sind gesperrt.

So kommt es, dass auch Gao Qianhuis Lieblings-Onlinespiel nicht verfügbar ist. Die 21-Jährige aus Shenyang, Hauptstadt der Provinz Liaoning im Nordosten Chinas, sitzt in einem Computerraum – es könnte ein Internetcafé sein – und ist wütend. Wütend nicht etwa auf die Regierung, die das Internet-Spiele-Verbot verhängt hat, sondern auf die Opfer des Erdbebens, die ihrer Meinung nach an der Netzsperre schuld sind. Um ihrem Ärger Luft zu machen, schaltet sie die Webcam ihres Computers an und filmt sich selbst. In dem Monolog, der folgt, erklärt sie, was sie über das Erdbeben und dessen Opfer denkt. Mit verschränkten Armen sitzt sie da, spricht mit starrer Miene in die Kamera: „Ich mache den Fernseher an, sehe verletzte Menschen, Leichen, verrottete Körper, all diese verrückten Dinge. Ich möchte all das nicht sehen, aber ich habe keine andere Wahl.“ Unaufhaltsam redet sie mit monotoner Stimme weiter, flucht und schimpft. „Wie viele von euch sind tot?“, fragt sie. „Es sind nur wenige, oder? In China leben sowieso zu viele Menschen.“ Das Erdbeben sei ihr nicht stark genug gewesen, erklärt Qianhui weiter. Gegen ein paar Opfer mehr, so wird deutlich, hätte sie nichts einzuwenden gehabt. Auch über die Spenden für die Menschen in der betroffenen Region beschwert sie sich: „Menschen geben euch Geld und Essen. Und ihr macht gar nichts.“ Fünf Minuten lang dauert die Hasstirade der jungen Frau. Ab und an erscheinen andere Menschen im Hintergrund, die Qianhui zusehen, wie sie gegen die Erdbeben-Opfer wettert. Den kurzen Film, der dabei entsteht, stellt die 21-Jährige dann auf der Videoplattform You-Tube online.

(…)

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