„Englisch Inhalieren“. Das Abhören ausländischer Sender während des Zweiten Weltkriegs

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Beschreibung

„Englisch Inhalieren“

Das Abhören ausländischer Sender während des Zweiten Weltkriegs

Ausgabe

Das Archiv 1/2011

Autor: Karin Falkenberg

Seiten: 34-37

„Für wenig Geld hört Ihr die Welt!“, wirbt der Radioladen Pruy 1930 in Nürnberg und zitiert damit einen Werbeslogan der Rundfunkfirma Saba. Doch mit Beginn des Zweiten Weltkriegs schränkte die nationalsozialistische Führung diese Freiheit in Deutschland massiv ein. Radiohören unterlag nun der staatlichen Kontrolle, und das betraf jeden einzelnen Hörer mit seinen individuellen Hörgewohnheiten und -interessen. Ab September 1939 war es Radiohörern offiziell nur noch gestattet, die Programme der Deutschen Reichssender zu empfangen. Die nationalsozialistischen Machthaber versuchten von Beginn des Krieges an, das Hören von Rundfunksendungen, die aus dem Ausland kamen, zu unterbinden.

Der Ministerrat für Reichsverteidigung ließ am 1. September die Bevölkerung in mehreren Rundfunk-Sondermeldungen wissen, im modernen Krieg kämpfe der Gegner nicht nur mit militärischen Mitteln, sondern auch mit Mitteln, „die das Volk seelisch beeinflussen und zermürben sollen“. Zu diesen Mitteln wurde insbesondere der Hörfunk gezählt. Da die Sendungen der Kriegsgegner darauf ausgerichtet seien, dem deutschen Volk zu schaden, erwartete die Regierung, dass die Radiohörer quasi in Selbstzensur das Hören ausländischer Sender unterließen. Um das Hörverbot permanent in den Köpfen der Rundfunkhörer zu verankern, wurden ab September 1939 von der NSDAP Kärtchen verteilt, die von Blockwarten und anderen Parteimitgliedern an den Senderabstimmknöpfen aller privaten und öffentlichen Radioapparate angebracht werden sollten. Darauf stand: „Denke daran. Das Abhören ausländischer Sender ist ein Verbrechen gegen die nationale Sicherheit unseres Volkes. Es wird auf Befehl des Führers mit schweren Zuchthausstrafen geahndet.“ Das alltägliche Radiohören wurde operationalisiert, „Abhören“ war nun verwerflicher Nonopportunismus gegen das NS-Regime. In Deutschland, als autoritär geführtem Land, waren die Radiohörer nicht nur normativ dazu verpflichtet, die politischen Sendungen der NSDAP anzuhören, sondern es war ihnen zugleich durch rechtliche Erlasse die Freiheit genommen, zu hören, was sie hören wollten. Sie konnten zu „Staatsfeinden“ werden in dem Moment, in dem sie ihr Radiogerät einschalteten.

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