Jede Karte ein Schicksal. Suchdienste nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland

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Beschreibung

Jede Karte ein Schicksal

Suchdienste nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland

 

Ausgabe

Das Archiv 1/2016

Autor: Friederike Bauer

Seiten: 28-35

Im Spätsommer 1945 irrte Johannes Haas durch Norddeutschland. Vertrieben aus Bessarabien und entlassen aus der Armee, trieb es ihn durch Städte und Dörfer – auf der Suche nach seiner Familie. Die alte Heimat gab es nicht mehr, eine neue hatte er noch nicht gefunden. Vom Hörensagen hatte er vage Informationen über den Verbleib seiner Angehörigen: Wahrscheinlich irgendwo im Norden. Also fahndete er nach Hinweisen – in Pfarrämtern, an Bahnhöfen, in Rathäusern, Kirchen und überall sonst, wo Menschen damals Nachrichten hinterließen. Und wie durch einWunder wurde er tatsächlich fündig: In dem kleinen Ort Lütjenburg, knapp 40 Kilometer von Kiel entfernt, hing an einer Litfaßsäule unter vielen Zetteln auch einer, auf dem man nach ihm suchte – nach dem ehemaligen bessarabischen Lehrer und Dolmetscher Johannes Haas. Seine Frau Irma hatte das Papier dort befestigt und ihren neuen Aufenthaltsort mit Plönerstraße 50 in ebenjenem Lütjenburg angegeben. Nach Jahren der Entbehrung, der Flucht und des Hungers trennten ihn nur noch ein paar Straßen von derWiedervereinigung mit seiner Familie. Johannes Haas konnte sein Glück kaum fassen.

Solche Zufälle gab es durchaus in diesen Monaten nach dem 8. Mai, nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und dem Ende des ZweitenWeltkriegs. Aber sie waren selten, sehr selten. Die meisten Familien brauchten professionelle Hilfe bei der Suche nach ihren Angehörigen, denn in Mitteleuropa fand eine beispiellose Massenwanderung statt: Allein rund 9,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, viele davon aus früheren deutschen Ostgebieten, waren unterwegs. Sie versuchten, irgendwo im heutigen Deutschland Wurzeln zu schlagen. Auch Millionen Soldaten aus den Gefangenenlagern traten den Marsch nach Hause an. Dazu kamen viele Menschen, deren Häuser und Wohnungen ausgebombt waren: Sie gingen häufig zu Freunden oder Verwandten, um dort vielleicht Unterschlupf zu finden. Kinder waren aus Sicherheitsgründen aufs Land verschickt worden – und wollten nun zurück zu ihren Eltern beziehungsweise ihre Eltern zu ihnen.

(…)

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