Über die poetische Wirkung von Ansichtskarten

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Das unbewusste Gedicht

Über die poetische Wirkung von Ansichtskarten

Ausgabe

Das Archiv 4/2007

Autor: Norbert Hummelt

Seiten: 18-21

Es ist mehr als zehn Jahre her, dass ich im Kölner Wallraff-Richartz-Museum eine Ausstellung besuchte, in der Bilder eines französischen Impressionisten gezeigt wurden. Immer wieder hatte er eine bestimmte Flusslandschaft in Südfrankreich gemalt. Ein kleiner Raum in dieser Ausstellung zeigte dieselbe Landschaft in historischen Ansichtskartenmotiven. Ich erinnere mich deutlich, dass mein Interesse an den Gemälden schwach, dasjenige an den Ansichtskarten aber sehr lebhaft war. Ich betrachtete sie lange und immer wieder und sah sie so an, wie man Kunst ansieht: als öffne das Bild eineTür in einen Raum, in dem man umhergehen und Dinge sehen kann, die in der Darstellung selbst nicht enthalten sind. Ich war in der Landschaft, ich ging am Fluss entlang, spürte Wärme und sah mich um. Wenn mir auch die Motive nicht deutlich vorAugen stehen und ich nur vermuten kann, dass es Schwarzweißfotos oder verblasste Farbbilder waren, so ist mir doch die Wirkung dieser Bilder im Gedächtnis geblieben. Die Ansichtskarten appellierten an mein Vorstellungsvermögen. Suggestive Kraft ging nicht von der Malerei, sondern von der zu Gebrauchszwecken dienenden Fotografie aus.
Ich halte es aber für wahrscheinlich, dass die beschriebene Wirkung nicht allein dem Reiz historischer Fotografien zuzuschreiben ist. Dieser Reiz entsteht vermutlich daraus, dass solche Bilder zwar suggerieren, einen bestimmten Ausschnitt der wirklichen Welt realistisch abzubilden; in Wahrheit aber sind sie verfremdet, durch technische Einschränkungen wie das Fehlen oder Verblassen der Farben oder durch den der Zeit unterworfenen Zustand des Materials, auf dem sie erscheinen, etwa durch Vergilben des Fotopapiers. So verbreiten sie eine Aura des Entrückten um das Gezeigte und dementieren zugleich den realistischen Anspruch, die Welt könne an einer bestimmten Stelle (in einem Flusstal in Südfrankreich), zu einer bestimmten Zeit (an einemTag, zu einer Stunde, in einem Augenblick im späten 19. Jahrhundert) und aus einem bestimmten Blickwinkel heraus genauso ausgesehen haben wie gezeigt. Ein Anspruch, den die Malerei nach dem Auftreten der Fotografie im zugespitzten Sinne nicht mehr erheben und deshalb auch nicht enttäuschen kann, was sie einer reizvollen Ambivalenz beraubt.

(…)