Zahlenspiegel und Diagramme. Die Statistik der Post als Spiegel der deutschen Gesellschaft

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Beschreibung

Zahlenspiegel und Diagramme

Die Statistik der Post als Spiegel der deutschen Gesellschaft

Ausgabe

Das Archiv 3/2011

Autor: Bernd Flessner

Seiten: 78-87

„Die Zahl wurde zum Kanon der Aufklärung“, erklären die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrem berühmten Werk Dialektik der Aufklärung. Denn die Zahl bietet den Aufklärern ein probates Mittel zur „Berechenbarkeit der Welt“. Mithilfe der Zahl und der Mathematik nämlich lassen sich Welt und Gesellschaft „auf abstrakte Größen reduzieren“. So sollen sie nicht nur berechenbar, sondern vor allem beherrschbar werden. Wer jedoch die Welt berechnen und beherrschen will, braucht bekanntlich Daten, die als Grundlage dienen. Somit beginnt in der Aufklärung ein wahrer Feldzug zur Erhebung von Daten. Forscher und Mathematiker werden zu Datensammlern, die schlicht alles in ihre Tagebücher und Notizhefte aufnehmen, was ihnen vor ihre noch einfachen Messegeräte kommt.Tiere und Pflanzen, Temperaturen und Entfernungen, Höhen und Tiefen, Menschen und Mineralien. Zunächst noch unsystematisch, später zunehmend wissenschaftlich. Auch der Staat gerät so ins Visier der Datensammler. Die Juristen und Staatphilosophen Hermann Conring (1606–1681) und Veit Ludwig von Seckendorff (1626–1692) legen den Grundstein, indem sie Archive anlegen, Handbücher veröffentlichen und erste Statistiken aufstellen.Das entsprechende Wort bilden sie aus dem lateinischen „statisticum“, was „den Staat betreffend“ bedeutet. Zwar gab es bereits in der Antike Volkszählungen und Tabellen aller Art, doch erst während der Aufklärung werden die erhobenen Daten umfassend ausgewertet und in Beziehung zu anderen Daten gesetzt.

Der Jurist Gottfried Achenwall (1719–1772) erhebt die Statistik schließlich zu einer wissen-schaftlich fundierten Methode. Vor allem sein Buch Abriss der neuesten Staatswissenschaft der vornehmsten Europäischen Reiche und Republiken, erschienen 1749, wird zur Grundlage einer modernen Statistik. Ist die Sammlung und Auswertung von Daten und Zahlen zunächst nur auf den Staat beschränkt, erweitert sich der Begriff im Laufe der Zeit. Im 19. Jahr- hundert wird so die Statistik eine Methode, mit der versucht wird, fast alle Bereiche der Wirtschaft und des Lebens irgendwie zu erfassen.  Treibende Kraft ist immer die angestrebte Berechenbarkeit und Beherrschbarkeit der Welt mithilfe der Zahl. Dabei ist es bis heute geblieben. Selbst das Binärsystem, das nur die Ziffern 1 und 0 kennt und somit die mathematische Grundlage unseres digitalen Informations- und Datenverarbeitungssystems bildet, wird in jener Zeit entwickelt. Urheber ist kein Geringerer als der Universalgelehrte und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), der somit frühzeitig den Weg ins Computerzeitalter weist. Dank des Binärsystems wird die Welt tatsächlich zur Zahl, wird jeder Ton, jede Farbe und jedes Zeichen als Zahl darstellbar und berechenbar. Spätestens im 20. Jahrhundert sind Statistiken nicht nur für staatliche Institutionen unverzichtbar geworden, um die bisherige Entwicklung zu dokumentieren, wichtige Einflussfaktoren zu analysieren und Prognosen für die Zukunft erstellen zu können. Statistiken sind zu einem unverzichtbaren Spiegel aller in Zahlen fassbaren Entwicklungen geworden, von der Einwohnerzahl bis zur Sterberate, von der Gesundheit bis zur Steuer. Egal ob Staat, Volkswirtschaft, Bank, Kleinbetrieb oder Konsument, ohne statistischen Schatten wären sie heute kaum noch handlungsfähig. Um spezifischen Fragestellungen gerecht zu werden, ist die Statistik immer weiter differenziert worden. Ausgehend von der Amtlichen Statistik und der Betriebsstatistik haben sich die Demografie, die Epidemiologie, die Versicherungsmathematik, die Operations Research und eine Vielzahl anderer Disziplinen entwickelt. Allerdings ist nicht unumstritten, ob die jeweils ermittelten Zahlen in ihrem Bereich auch Sinn zu stiften vermögen oder ob es ganz anderer Indikatoren bedarf – etwa ob das Bruttosozialprodukt auch tatsächlich den Schluss zulässt, wie gut es einer Nation geht.

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